Kleist trifft Liszt - Theaterprojekt der Musikleistungskurse 2011

Kleist trifft Liszt oder: Von der Gewalt der Musik 1

 

Theaterprojekt der Leistungskurse Musik

 


Die zwei Jubilare des Jahres, Heinrich von Kleist (1777-1811) und Franz Liszt (1811-1886) haben in ihrem Werk keine direkte Verbindung zueinander. Dennoch eröffneten wir mit unserem Theaterprojekt ein Spannungsfeld, in dem fächerübergreifende Begegnungen romantischer Kunst und allgemeiner Ästhetik möglich wurden. 2


1810, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte Heinrich von Kleist mit seiner Novelle „ Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik“ einen Text, in dem er sowohl die Musik als wirkungsreiche Kunst wie auch im speziellen die katholische Kirchenmusik als religiöse Kraft würdigt. In einem Brief äußerte der Schriftsteller im Jahr 1801: „Nirgends fand ich mich aber in meinem Innersten gerührt, als in der katholischen Kirche, wo die erhabenste Musik zu den anderen Künsten tritt, um das Herz gewaltig zu bewegen. Unser Gottesdienst ist keiner. Er spricht nur zu dem kalten Verstande, aber zu allen Sinnen ein katholisches Fest. Mitten vor dem Altar, an seinen untersten Stufen, kniete ein gemeiner Mensch, betend mit Inbrunst; ihn quälte kein Zweifel, er glaubte. Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht, mich neben ihn niederzuwerfen und zu weinen.“ Diese sinnlichen Erfahrungen verarbeitete der Klarinettist Kleist später in der oben genannten „Legende“, wie er sie seinen Text im Untertitel nannte. 3

In ihr wird ein geplanter Raubüberfall auf das Kloster der Heiligen Cäcilie zu Aachen dadurch vereitelt, dass die hereinbrechenden Bilderstürmer durch den starken Eindruck der in der Kirche erklingenden Musik von ihrem Vorhaben abgebracht wurden. Kleist berichtet, dass die Nonnen sich in ihrer Furcht in der Klosterkirche versammelten und eine alte katholische Messe anstimmten, welche die scheinbar übermächtigen Eindringlinge ganz in ihre Gewalt nahm und sie geradezu in den Wahnsinn trieb. 4


Franz Liszt zog sich nach einem bewegten und z.T. ausschweifenden Leben mit reichlich 50 Jahren in ein klösterliches Leben zurück. In seinem Spätwerk entstanden vor allem geistliche Kompositionen, von denen wir die 1865 komponierte „Missa choralis“ ins Zentrum stellen, quasi als Äquivalent zu der von Kleist nicht näher benannten Messe.

Kleist-Liszt – Von der der Gewalt der Musik

- Das Bühnenstück -


Grundidee unseres Stückes ist die Adaption der Schlüsselszene aus dem Kleist'schen Original. Die Musik von Liszt wird durch die Sängerinnen und Sängern der Musik-Leistungskurse live musiziert. Sie wird zum Bestandteil der Handlung werden, als Verbindungsglied zwischen einzelne Szenen fungieren und zum Teil in den Szenen in andere Tonsprachen adaptiert.


Ablauf:

Die Bilderstürmer dringen mit allerlei Schlaggegenständen bewaffnet in den Kirchenraum ein, in dem sich eine Gruppe Menschen versammelt hat, um mit ihrem Gesang gegen das Vorhaben des Kirchenraubes anzugehen. Es erklingt (wie bei Kleist berichtet) eine Messe (in unserem Falle die von Liszt). Im Moment des gewaltsamen Zugriffs friert die Szene ein, während die Musik weiter erklingt, sich wandelt und den akustischen Raum für eine neue Szene schafft. In dieser steht einer der Bilderstürmer in der Szenerie einer Assoziation, die von der in der Kirche erklungenen Musik hervorgerufen wurde. In dieser Szene tauscht er die Schlagwaffe gegen einen für das unter dem Einfluss der Musik in der Assoziationsszene Erfahrene typischen Gegenstand ein und kehrt in die eingefrorene Eingangsszene zurück. Das Licht erlischt und die Musik verklingt. 5


Dies wiederholt sich fünf mal, so dass alle Bilderstürmer ihren musikalischen Erfahrungen erliegen während alle Stücke von Liszt angesungen wurden. Doch was geht den Bilderstürmern durch den Kopf, während sie unter dem Einfluss der Musik von ihrem brutalen Vorhaben abgehen? Es sind musikalische Erfahrung der Liebe (Hochzeit), der Überforderung (Instrumentalunterricht), des Schmerzes (Trennung), der Anerkennung (Konzert), der Verführung (Kaufhaus) und der Endlichkeit, die allesamt durch Musik initiiert und verstärkt wurden.

Einer nach dem anderen legt seine Waffe und integriert sich in die Gruppe der Musizierenden – ein Zeichen für die von Kleist gemeinten positiven Seiten der Gewalt der Musik. 6