"Ich wollte überleben und ein besseres Deutschland aufbauen" - ein Zeitzeuge gibt Auskunft über ein Leben in schwerer Zeit

„Ich liebe Deutschland und meine Heimatstadt Chemnitz"- Es ist ein unglaublich starkes Zeichen, was Justin Sonder in der gefüllten Mauersberger Aula vor ca. 220 Schülern des IAJ und der EGE abgibt. Ein Satz, der jeden Einzelnen, kennt man die Lebensgeschichte des mit seinen 91 Jahren noch unglaublich geistig und körperlich fit wirkenden Chemnitzers, ergreifen muss. Justin Sonder ist einer der noch wenigen Überlebenden, der uns Zeugnis über die Verbrechen der 1

Nationalsozialisten in Auschwitz abgeben kann, denn er hat es erlebt- nein, er hat sie überlebt und hat sich nun zur Aufgabe gemacht, so lange es irgendwie geht, darüber zu berichten. 20 Jahre lange habe er nach dem Krieg über das Geschehene geschwiegen. Er wollte nichts mehr davon wissen. Da ging es ihm wie vielen Überlebenden. Seinen Kindern sagte er auf die Frage, was denn die Zahlen auf seinem Arm bedeuten würden, dass er sich seine Telefonnummer nicht merken könne. „ 105027".- Er habe sie aber nie versteckt, denn diese eintätowierte Häftlingsnummer gehört nun mal zu Justin Sonder und seinem Leben dazu.
Seine Lebensgeschichte ist faszinierend und unglaublich für uns Nachfolgende zugleich, als Kind erlebt er hautnah in seiner Heimatstadt die Zerstörungen in der Progromnacht 1938, lebt, nachdem seine Eltern deportiert worden waren, fast ein Jahr alleine und erduldet die alltäglichen Repressalien, erlebt aber auch die Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen, bevor auch er als 17-jähriger die gleiche Reise antritt wie seine Eltern vor ihm: in einem Eisenbahnwaggon nach Auschwitz. Er überlebt die Selektion an der Rampe, die darüber entschied, ob man als Arbeitssklave weiter leben musste oder noch 120 Minuten zu leben hatte, bevor man ins Gas geschickt wurde. Er erduldet danach den unmenschlichen Alltag in Auschwitz III Monowitz, die menschenverachtende Zwangsarbeit, schwere Krankheiten, eine Operation am Knie ohne Narkose, und beteiligt sich am lagerinternen Widerstand. Unglaubliche 17 Selektionen überlebt Justin Sonder. Unglaublich, was ein Mensch alles ertragen kann. Unglaublich, dass er seinen Vater nach dem Krieg und nach den Todesmärschen nach Dachau zufällig dort wieder begegnet. Seine Mutter hingegen wurde nach ihrer Ankunft in Auschwitz sofort vergast. Man spürt, dass dies ein Punkt in all seine Erfahrungen ist, über die er auch heute öffentlich nicht sprechen kann und will.
Es war sein unbedingter Wille zum Leben- der Wille zum Überleben, der ihn durch diese Zeit getragen hat. Von seinen Eltern habe er ja nichts mehr an Erbe erhalten können - ein Tisch, ein Stuhl und ein Schrank, das war alles. Aber da sei noch der starke Wille gewesen, den sie ihrem Sohn vermachten. „Ich wollte überleben und ein besseres Deutschland aufbauen". Und dieses sich selbst gegebene Versprechen hat er eingelöst- er wurde Diplomjurist und arbeitete bis 1985 bei der Kripo in Sachsen- zuständig für schwere Kapitalverbrechen.
2016 war Sonder als ein Zeuge beim Detmolder Auschwitzprozess geladen. Einer der letzten noch lebenden Wachmänner in Auschwitz stand da vor Gericht. Es spiele keine Rolle, ob er verurteilt wurde oder die Haft aufgrund seines hohen Alters überhaupt antreten könne, so Sonder, es war wichtig, dass die Justiz ein Signal abgibt: auch die Mittäter haben sich schuldig gemacht. Jeder der ca. 6000 Aufseher in Auschwitz hat sich schuldig gemacht, egal, ob er nun direkt an der Rampe über Leben und Tod entschied oder anders mithalf, dass die perfide Vernichtungsmaschinerie funktionierte. „Jeder einzelne hat dazu beigetragen, dass der Holocaust durchgeführt werden konnte".
Warum er zurück nach Deutschland, zurück nach Chemnitz gekommen sei, so eine Frage aus dem Publikum. „ Ich liebe Deutschland und meine Heimatstadt Chemnitz und ich dachte, meine Heimat kann mich gebrauchen." Einen kleinen Seitenhieb auf die aktuelle politische Situation in Deutschland und den rechten Tendenzen kann und will er sich auch dabei nicht verkneifen: „ Das Geschrei entspricht nicht dem Charakter unseres Landes". Der Frieden muss verteidigt werden im Land und das beginne schon im Kleinen, in der Klasse. Jeder müsse sich dafür einsetzen.
Es waren faszinierende 90 Minuten, in den wir alle die einmalige Gelegenheit hatten, einem Überlebenden des Grauens von Auschwitz zuhören zu dürfen und ihm Fragen zu stellen. Justin Sonder ist trotz allem oder gerade wegen seiner Geschichte, ein Mann, der Lebensfreude ausstrahlt, der offen und freundlich seinen Mitmenschen begegnet. Im Frühjahr 2017 erhält er die Ehrenbürgerwürde seiner geliebten Heimatstadt Chemnitz. Es sei ihm eine große Ehre und er musste erst nicht, womit er diese verdient habe, sagte er in einem vergangenen Interview. Dann habe er sich aber sehr gefreut.
Justin Sonder ist ein bescheidener Mann - seiner Heimatstadt Chemnitz und uns allen sollte es doch eher eine Ehre sein, dass er ihr Ehrenbürger sein will und dass er sich jetzt für Demokratie in Deutschland einsetzt.